Emden - 31.05.1997 - Südkai (EHUG Henschel DH-360 D)

Einmal gemachte Zusagen sollte man einhalten. Aber manchmal vergisst man das Einlösen einer insbesondere bei Nutzung des Mediums Internet auf den ersten Blick so unverbindlich erscheinenden Zusage. In einigen wenigen Fällen vielleicht sogar für eine sehr lange Zeit. In meinem besonderen Fall, um den es hier geht, sind es satte 18 Jahre. Und diese Zusage möchte ich heute mit diesem Artikel einlösen.

Am 25.06.1997 berichtete R.B. in der Newsgroup de.alt.eisenbahn von einer interessanten Überführung der Karsdorfer Eisenbahn (ich gebe den Inhalt verändert und ergänzt wieder): Am 28.06.1997 sollte Lok 14 der KEG, eine Henschel DH-240, die drei ebenfalls aus der Kasseler Bahnschmiede stammenden Emder EHUG-Loks des Typs DH-360 D am Südkai an den Haken nehmen und zu den Mainischen Feldbahnen nach Schwerte an der Ruhr schleppen. Bei den Emder DH-360 D - die Zahl steht für die 360 Pferdestärken - handelt es sich um auf 80 t aufgelastete vierachsige Ausführungen der dreiachsigen Standardversion, welche darüber hinaus zum Verschub und Rangieren schwerer Erzzüge Strömungsgetriebe mit Übersetzungen für 15 km/h, 3,6 km/h sowie 1,1 km/h erhalten haben.

In Emden wurden von der EHUG, der Emder Hafen-Umschlags-Gesellschaft, bis in die 70er Jahre hinein Züge mit bis zu 50 Waggons und 4000 t Zuggewicht zusammengestellt, die bei maximaler Last von ölgefeuerten Dampfloks der Baureihen 042 oder 043 mit Vorspann in Richtung Ruhrgebiet befördert wurden (Stichwort: "Langer Heinrich"). Für den langsamen Verschub der vierachsigen und bis zu 80 t schweren F-Wagen durch die Verladeanlagen wird der Kriechgang mit gemütlichen 1,1 km/h ausgelegt gewesen sein. Das Reibungsgewicht der dieselhydraulischen Loks wurde entsprechend der maximal zulässigen Achslast von 20 t dimensioniert. Unvorstellbar, welche Lasten hier mit 360 PS bewegt worden sind!

Meine Antwort in der Newsgroup lautete damals zwei Tage später folgendermaßen:

Ich glaube es ja nicht ;) . Die Dinger habe ich am 31. Mai noch in Emden
fotografiert, da tat es mir richtig leid, dasz die vor dem Schuppen
vergammeln muessen. Ich hatte ja bereits Fotos fuer Mercurio (ERS)
versprochen, aber bisher bin ich nicht zum Scannen gekommen.
Die Fuehrerstande sahen bereits arg zerstoert aus, aber die Anschriften
fuer das Spezialgetriebe habe ich noch fotografieren koennen. Die
muessen in den 70er Jahren in Emden ja ganz schoene Massen bewegt haben,
schlieszlich wurden mit denen im Hafen die Erzzuege rangiert.
Werden die Loks aufgearbeitet ? Falls ja, dann komme ich bestimmt mal an
den spaeteren Einsatzort, um Fotos zu machen. Uebrigens: Eine der Loks
hatte ihre letzte HU im Jahr 1978 !
Grusz aus Aachen !

                                 Ciao, Eike

Unter dem fröhlichen "Ciao" folgte noch eine meiner damals üblichen Signaturen - da war ich noch Anfang 20 und mitten in den wilden 90er Jahren. Die merkwürdige Schreibweise des scharfen S mittels "sz" habe ich mir in meiner zu dem Zeitpunkt noch frisch zurückliegenden Bundeswehrzeit, die ich als Fernschreiber buchstäblich "vertippen" durfte, angewöhnt und später glücklicherweise wieder abgewöhnt - der ASCII-Code 225 hätte es sicherlich auch getan. Ob die Nachwelt mir meine digitalen Unterschriften (immerhin ohne "ASCII-Art") verzeihen wird, darf zu Recht angezweifelt werden, jedoch werde ich nun endlich die damals zugesagten Fotos veröffentlichen. Wenn auch nicht auf dem Server "Mercurio" der Universität Pisa, dessen Webseiten mit Bahnfotos heutzutage unter dem Namen "Railfan Europe" weitergeführt werden, sondern hier auf meinen eigenen Seiten.

Laut R.B., der auch einen lesenswerten Bericht zum Transport der Loks verfasst hat, sollten die Loks damals mitsamt Austausch der Spezialgetriebe gegen die Normalausführung aufgearbeitet werden. Leider hat das wohl nicht geklappt, denn laut Internet sind die Loks "Biene" und "Mücke" bereits 2004 verschrottet worden, die Lok "Hummel" hingegen erst nach längerer Standzeit in Schwerte Ende der 2000er Jahre.

Das Schicksal der Loks ist bedauernswert, denn zumindest der äußere Zustand der Loks war 1997 noch sehr ansehnlich, wie die Fotos beweisen. Als gebürtiger Emder freue ich mich, dass ich die Aufnahmen machen konnte und somit ein Stück Hafengeschichte für mich bewahrt habe. Das Design der Henschel DH-Serie fand ich schon immer ansprechend und zeitlos - in meiner Kinderzeit kannte wohl fast jeder Schuljunge die blaue Märklin 3078, eine Henschel DHG 500 mit derselben markanten Linienführung.

Die Fotos wurden mit der Praktica B100 sowie dem üblen 2.4/50mm Pancake-Objektiv ("Einmachglasboden") aufgenommen.

P.S.: Mein Versprechen vom 29.06.1997, einmal bei den Mainischen Feldbahnen vorbeizuschauen, habe damals leider nicht eingelöst.

Ergänzung 01.06.2017

Herr S. Klüttermann aus Nordhessen hat mir im August 2016 freundlicherweise neues Material zur Verfügung gestellt, das ich an dieser Stelle mit seiner Genehmigung veröffentlichen darf (u.a. eine Aufnahme eines 1988 angefertigten Nachgusses des Fabrikschilds der Lok M). Zur Bestellung der ersten beiden Loks "Biene" und "Mücke" (Lok "Hummel" wurde später nachbestellt) erging damals folgende Auftragsbeschreibung an die Henschel-Werke in Kassel, welche die Ausführung unter den Auftragsnummern 3030 0055 und 3030 0056 am 29.11.1961 in die Bücher genommen haben:

Zwei dieselhydraulische D [Diesel]-Lokomotiven, Typ DH 360D
ausgerüstet mit Henschel-Motor 12 V 1416, ohne Aufladung, elektrische Anlassung, Leistung 360 PS bei 1800 Upm. - es sind die Vorratsnummern 190 234/35 zu verwenden - Voith-Flüssigkeitsgetriebe, Typ L 24 U (KG = Kriechgang),
Dienstgewicht 80 t.

Das Dienstgewicht muß durch Auflage von Ballaststücken zeitweise möglichst auf 90 t erhöht werden können.

Führerhaus und Vorbauten sind durch besonders starke Deckenbleche [Deckbleche] - möglichst 5 mm - gegen herabfallende Erzbrocken zu schützen. Besonderer Wert wird auf Einbau einer Schleuderschutzvorrichtung und eines zuverlässigen Tachometers für geringste Geschwindigkeit gelegt.

Liefertermin unter Konventionalstrafe:
31. 1. 1963.

LKDK  29./ü  Kl

[LKDK = Abteilungskurzzeichen, Kl = Handzeichen des Verkäufers Lothar Klüttermann]

Ergänzung 21.08.2017

Beim Stöbern in alten, meinen Eltern gehörenden Büchern mit Emder Stadtansichten bin ich im August 2017 im Buch "Altes und neues Emden", welches im März 1975 - drei Monate vor meiner Geburt in selbiger Stadt - von der Stadtsparkasse Emden herausgegeben wurde, auf eine Aufnahme der Emder DH 360D im Einsatz gestoßen. Neben zahlreichen Schwarzweiß-Abbildungen des damals noch geschäftigen und betont optimistisch in die Zukunft blickenden Hafenbetriebs findet sich auf Seite 123 ein Foto der weitläufigen Abstellgruppen im Emder Hafen. Vor einem der langen, aus Wagen des Typs Fad gebildeten Erzzüge ist eine der drei Henschel-Loks zu sehen - wenn auch mit leichtem Mastschaden.

Bilderliste: 
Emden, Straße Am Südkai
EHUG Lok H
EHUG Lok H, EHUG Lok M
EHUG Lok B, EHUG Lok H
EHUG Lok B, EHUG Lok H, EHUG Lok M
EHUG Lok B
EHUG Lok B
EHUG Lok B
EHUG Lok M
EHUG Lok M
EHUG Lok H
EHUG Lok H
EHUG Lok H
EHUG DH-360 D
EHUG DH-360 D
EHUG DH-360 D

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